Inas Geschichte:


letzte Änderung 30.10.99

6. Teil
. . . Ich habe abgetrieben
o, nun ist es endlich soweit! Wir lüften heute besagtes Geheimnis, aber wie sie immer so schön sagt: "... nicht so schnell!"
Mit ihren 18 Jahren zieht Ingrid eine Zeit lang allein auf der Folk-Welle durch die Berliner Schuppen.
Im Jahr 1968 entsteht jetzt aber erstmal die neue Frauenbewegung, die durch die Studentenbewegung angeregt wird. Die Frauen in der Bundesrepublik Deutschland entdecken spezifische gesellschaftliche Probleme, die sie aufgrund ihres Geschlechts immer wieder erfahren. In Berlin (West) wird die 1. Frauengruppe gegründet "Aktionsrat zur Befreiung der Frau". Sie wehren sich - endlich - dagegen, ganz allein und ausschließlich für Heim und Kinder zuständig zu sein, so daß die Zeit für gleichberechtigte politische Arbeit fehlt. Frau/man kann fast annehmen, daß Ingrid in dieser Zeit das Lied Ich will dir eben mal was sagen speziell für diese Situation gemacht hat. Allerdings denkt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal daran, eig. Texte zu schreiben.
Höhnische Ignoranz der Männer auf diese frauenspezifischen Themen ist der Auslöser, daß in vielen großen Städten autonome Frauengruppen gegründet werden. Das wichtigste Ziel dieser neuen Bewegung ist die ersatzlose Streichung des §218.
Ungeachtet dieser überaus wichtigen Entwicklung zieht Ingrid '69 mehr oder weniger freiwillig von Berlin nach Köln, wo sie zusammen mit anderen ein Zweitbüro der Werbeagentur aufbaut, bei der sie zuletzt in Berlin gearbeitet hat. Dieser Umzug bedeutet Abschied von alten Freunden.
Die ersten drei Jahre arbeitet sie erstmal ausschließlich als Grafikerin und macht keine Musik mehr. Die mittlerweile langweilig werdenden Interpretationen fremder Texte und Melodien sind ihr bald über, und so legt sie eine Pause ein, zumal es in Köln auch noch keine Clubs gibt. In dieser ganzen Zeit hat sie verstärkt das Gefühl, in einem tiefen Tal zu liegen und immer auf der Stelle zu treten. Sie fühlt sich total unwohl und hat Heimweh nach Berlin. Sie verspürt den inneren Drang, etwas zu tun, nur ist ihr noch nicht ganz klar, wie und was genau das ist. Ingrid fängt zaghaft an, eig. biographische Texte zu schreiben - Papier ist ja sooo geduldig. Das Geheimnis um diese schriftlichen Ergüsse kann diesmal leider auch von uns nicht gelüftet werden, denn der "Aufenthaltsort" dieser Originale ist zu ewigem Stillschweigen verdammt - bis das die Welt zusammenbricht!! (Stimmt's, Schlampi?) U.a. entdeckt sie in einem Workshop in Köln statt ihrer dünnen Kehlkopfstimme die kraftvolle Bauchstimme.
Ein kleines Geheimnis allerdings können wir lüften, oder wußtet Ihr schon, daß Ingrid gerne bei der ersten Mondlandung dabeigewesen wäre??
b sie sich das in etwa so vorgestellt hat?? Irgendwann bekommt sie von einer ehemaligen Arbeitskollegin aus Berlin - die im bereits oben erwähnten "Aktionsrat zur Befreiung der Frau" schon Mitglied ist - den Anstoß, in eine Frauengruppe zu gehen, doch in Köln gibt es davon momentan noch keine.
Währenddessen spitzt sich die Lage um den §218 immer weiter zu. Mit der Selbstbezichtigungskampagne von 374 deutschen Frauen "Wir haben abgetrieben" putscht die Zeitschrift "stern" - mit initiiert von Alice Schwarzer - die Gemüter emotional hoch. Ingrid, die in dieser Phase in einer WG lebt, fängt langsam an zu denken. Aufgrund dieser Kampagne treffen sich 40 - 50 aufgeregte Frauen in einer der politischen Clubs. Das ist die Geburtsstunde der "Aktion 218". Und mit Beginn dieser Aktion fängt auch Ingrids Geburtsstunde an: das Schreiben- was sie aber noch nicht weiß.
Erst im Jahr 1972 geht es richtig los! Es grenzt schon etwas an Ironie, aber Ingrid wird mehr oder weniger fast dazu "gezwungen", einen Text zu schreiben und den auch noch der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wie konnte es bloß dazu kommen??
Nun, es ist ja so: die "Gruppe 218" plant also eine Veranstaltung, bei der es um das Pseudonym Maria S. geht, die stellvertretend für alle Frauen steht, die in Not sind und nach Holland fahren müßten. Ingrid bittet alle Germanistikstudentinnen, doch mal einen Text darüber zu schreiben - die Musik traut sie sich selbst zu. Der Göttin – und allen Frauen aus dieser Gruppe - sei an dieser Stelle mal wieder Dank, denn von dieser Seite kommt einfach nichts. (... ja,ja: Die Frauen früher!) Ingrid bleibt nichts anderes übrig, als sich selber hinzusetzen und aus ihren eigenen Erfahrungen einen Text zu machen. Ein TV-Beitrag von Alice Schwarzer gegen den §218 wird kurzfristig abgesagt, und das setzt bei Ingrid die Wut frei, so daß sie alle Hemmungen über Bord schmeißt und einen ziemlich "blutrünstigen" Text dazu entwirft. Nach einigen Textänderungen steht er soweit, daß sie dieses Lied - nur notdürftig ausgerüstet mit Mikro und zwei Boxen - an einem verkaufsoffenen Samstag in Köln in der Schildergasse stundenlang rauf und runter singt. (Anm. in eig. Sache: Jedesmal, wenn wir zwei in Köln sind, durch diese Schildergasse streifen und somit auf ihren Spuren wandeln - in diesem Jahr schon 7 Mal – dann schicken wir ein großes DANKESCHÖN ins All!) Okay, aber zurück zum Thema: Ingrid bekommt u.a. von einem alten Mann 5 DM für die Sammelbüchse mit den lieben Worten: "Dat hässe jot jemat, Mächen."
Einige Zeit später findet sich eine kleine Plattenfirma, die das Abtreibungslied produziert. Den Funkanstalten fehlt im Zuge der §218-Auseinandersetzung allerdings der Mumm, das Lied zu spielen. Soweit uns bekannt ist, wird es bloß ein einziges Mal von Alice Schwarzer gespielt.
Wir fragen uns da doch:
Wieviele Finger braucht eine Faust,
bis man sie endlich sieht?
Und wieviele Kämpfe braucht ein Kampf,
bis er endlich geschieht?
Auf alle Fälle ist jede noch so kleine öffentliche Veranstaltung zu diesem Thema enorm wichtig, damit das Interesse und Engagement an dieser Diskussion nicht erlöscht. Darum nimmt Ingrid auch 1974 dankbar die Einladung zum Frauenfest nach Berlin an. Die Frauen dort sind schier begeistert!! O-Ton Ingrid. "Ich singe, weil’s mich was angeht, weil’s meine Probleme sind."
Es liegt einzig und allein an uns, diesen kleinen und doch so großen Schritt, den die Frauenbewegung erreicht hat, nicht wieder zu verspielen! Das wiederum setzt auch weiterhin Kampf, Einsatz, Engagement und Durchhaltevermögen voraus!
Ein neues Gefühl?



m verflixten siebten Teil dieser Geschichte setzen wir uns mit den "dubiosen" Machenschaften der Medien auseinander.
So long - und bleibt uns treu!



Teil 7

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