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Wie entstand das Edith-Piaf-Projekt?
"Die Lieder von Edith Piaf begleiten mich seit über 30 Jahren –
wer kennt sie nicht, Titel wie "Milord" oder "La vie en
rose": Meist habe ich bei Stücken wie "Padam Padam"
oder "Non, je ne regrette rien" lediglich die Melodie oder den
Refrain mitgesummt, ohne dass ich wirklich verstanden hätte, wovon
sie singt. Es war wohl ihre Stimme, die mir unter die Haut ging. Zum ersten
Mal bewusst gehört habe ich diese Stimme 1963 an ihrem Todestag im
Radio. Ich spürte plötzlich: sie sang, wie man stirbt, mit der
Gewissheit, dass es keine Umkehr gibt. Es dauerte noch 34 Jahre, ehe ich
1997 endlich wissen wollte, was sie wirklich singt: Was bedeuten ihre Worte?
Worüber singt sie? – und ganz wichtig - Welche Gefühle stecken in
ihren Liedern? Die Zeit war wohl einfach reif. Ich ließ zunächst
einige ihrer Songs wortwörtlich übersetzen - und war sprachlos,
was für unglaubliche Geschichten da zum Vorschein kamen. Vor allem
ihr Text zu "Hymne à l’amour" hat mich umgehauen und mir
wurde klar, da liegt ein Schatz verborgen."

Was ist das Faszinierende an Edith Piaf?
"Fasziniert hat mich an dieser Frau, dass sie sich in den 30er,
40er Jahren nicht hat unterkriegen lassen. Sie hat ihre Ellbogen benutzt
und sich durchgesetzt, was für eine Frau damals ungewöhnlich war.
Edith Piaf wusste, was sie wollte und - was mir besonders imponiert -
sie wurde auch von den Männern akzeptiert. Ich muss sagen, das
bewundere ich - obwohl sie ihre Männer wie das Hemd gewechselt hat.
Sie hatte außerdem einen unglaublichen Instinkt für
Künstler, sie hat immerhin Yves Montand und Charles Aznavour entdeckt.
Das fasziniert mich völlig, wie sicher sie in ihrem Urteil war.
Mittlerweile habe ich alle Biographien über sie gelesen, war 1996
in Paris in ihrem Viertel, in dem kleinen Piaf-Museum und an ihrem
Grab."

Was verbindet Dich mit Edith Piaf?
"Manchmal habe ich das Gefühl, sie besingt in ihren Liedern auch
ein Stück des Elends aus meinem Leben, obwohl das, was ich erlebt
habe, kaum vergleichbar ist. Ich bin als Kind in Berlin in Häuserblocks
aufgewachsen, in denen nur Familien mit mindestens zwei Kindern wohnen
durften. Aber das ist nichts gegen das, wo sie her kam, sie wuchs richtig
in der Gosse auf, hat von der Hand in den Mund gelebt. Es sind nicht meine
Geschichten, die da zum Vorschein kommen, sondern die Gefühle, bei
denen ich mich ertappt fühle. Ich kann diese tiefe Traurigkeit in
ihren Liedern gut nachvollziehen."

Ist Edith Piaf Dein Vorbild?
"Ja klar, seit ich 1983 auf meiner "Männer"-Platte das
"Lied für Edith Piaf" gemacht habe, seitdem steht ihr Bild
bei mir. Aber ich bin keineswegs ein schwärmerischer Fan, sondern
nehme sie ernst in ihrem Dasein. Meine Vorbilder sind Petra Kelly und
Edith Piaf, beides sind Wahlverwandtschaften. Sie stehen dafür, dass
es wichtig ist durchzuhalten, sich auf die eigene Intuition zu verlassen
und sich nicht von dem Weg abbringen zu lassen."

Gibt es Gemeinsamkeiten?
"Vor allem die Liebesgeschichten in ihren Liedern sind mir nicht fremd.
Ich habe mich oft wiedererkannt, weniger in den Tatsachen, als in den
Gefühlen - und in ihrer Inbrunst beim Singen. Ich habe gelesen, dass
sie ihr ganzes Elend in die Stimme gegeben hat, weil sie die Menschen mit
ihrem Leid berühren wollte. Nach einer missglückten
Liebesaffäre legte sie ihre Trauer, ihren Schmerz und ihre
Enttäuschung in die Stimme. In meinen frühen Liedern habe ich
über meine Texte und meine Lieder so auch Frust abgebaut. Als ich anfing,
die Texte der Piaf zu lesen, dachte ich oft: Wow, das ist ein Stück
von mir, dieser Kampf um Männer, um Anerkennung und um Liebe. Was wir
noch gemeinsam haben? Wir sind beide knapp 1,50 Meter groß - und wir
sind beide getingelt: sie hat anfangs in den Hinterhöfen von Paris so
laut gesungen, bis die Menschen die Fenster aufmachten, um ihr Geld
zuzuwerfen. Meine Schule waren in Berlin die Folkclubs: mit 15, 16 Jahren
habe ich die "Lucky Girls" gegründet und 1967 bin ich drei
Jahre lang als Folksängerin durch die Westberliner Szene
(Stammkneipe: "Steve-Club") getingelt, habe Joan Baez und Bob Dylan
bis zum Erbrechen gesungen."

War es schwer, Ediths Lieder zu bearbeiten?
"Teilweise ja. Soviel ich weiß, hat noch niemand versucht, ihre
Lieder auf deutsch originalgetreu singbar zu machen, ohne dass die
Übersetzung sinnentstellend ist. Für mich war wichtig: bevor ich
mir den Text übersetzen ließ, musste mich immer zuerst die
Melodie anmachen. Dann habe ich versucht, die wortwörtlichen
Übersetzungen fürs Singen zu bearbeiten. Manchmal konnte
ich Zeile für Zeile übernehmen, oft war es unmöglich. Dann
habe ich versucht für die Bilder, die Edith Piaf benutzt, eigene Bilder
in meiner Sprache zu finden – und das ganze musste sich auch noch reimen,
was ziemlich schwer war. Meine jahrelange Erfahrung im Texten half mir
ausserdem dabei, den Kitsch zu vermeiden, der oft in den Originalen steckt.
Dass ich eine eigene Ausdrucksweise habe, ist mein Start und meine Chance
gewesen."

Worum geht es beim "Voilà"-Abend?
"Dass einem bei diesen wunderschönen Geschichten das Herz aufgeht.
Dieses starke Gefühl, das die Piaf bis zum Schluss hatte, nämlich
an die Liebe zu glauben, trotz aller Rückschläge, das will ich
sichtbar machen. Und ihr Elend soll zum Vorschein kommen, ohne dass ich an
dem Abend über ihr Leben rede. Das Phänomen Edith Piaf bleibt
unangetastet. Mit "Voilà" oder "Bitte sehr" will
ich lediglich ein bisschen den roten Teppich für Edith Piaf ausrollen,
damit diese Frau mit ihrer Lebenskraft, ihrer Intensität und ihrer
Wahnsinnsstimme nicht vergessen wird. Ich singe ihre Lieder mit meinen
Worten und mit einer ganz neuen Instrumentierung. Wir haben vor allem den
kitschigen Geigen-Orchester-Stücken ein völlig neues Gewand
gegeben."

Wer ist beim Piaf-Projekt noch mit dabei?
"Da ist vor allem Stefan Warmuth (44) am Kontrabass. Kennen gelernt
haben wir uns im Dezember 2000, als wir gemeinsam mit einem Akkordeonspieler
zwei Piaf-Songs live spielten – es fühlte sich beim Singen gut an.
Seitdem ist der gebürtige Berliner mit dabei. Er hat die Arrangements
geschrieben, das kleine Orchester zusammengestellt und die Probeaufnahmen
organisiert. Er ist Musiker, Dirigent, Produzent und Regisseur in einem.
"Stefan Warmuth ist seit 1982 freischaffender Musiker, Arrangeur und
Komponist. Er hat bei Studio- und Tourneeproduktionen für Klaus Hoffmann,
Reinhard Mey und Udo Jürgens als Bassist mitgewirkt,
Theaterproduktionen "Dein tiefstes Lebensgefühl", ( Regie; Boden /
Warmuth )," Ronnacher Specialitäten" (Regie: Werner Herzog ) musikalisch
inszeniert, war sieben Jahre (1992-’99)musikalischer Leiter im Berliner
Varieté "Wintergarten" und leitet seit 1994 das "Savoy Dance
Orchestra" (Swing), und schreibt Filmmusiken (ARD; ZDF, RTL, SAT)
"Ausserdem sind mit dabei: "Die Compagnons"
Jo Bauer (Schlagwerk), Johannes Gehlmann (Gitarre, Banjo),
Jörg Sander (Klavier), Tobias Schiller
(Bassklarinette), Uwe Steger (Akkordeon), Henning Stoll (Fagott) und
Stefan Warmuth (Kontrabaß)
Interview: Maicke Mackeroth,
Köln 2001
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